Auszug aus einer Rundfunkansprache von Eduard Baumgarten, 1945 zur Bombardierung von Königsberg

Auszug aus einer Rundfunkansprache von Eduard
Baumgarten, dem letzten Amtsinhaber des Lehrstuhles
Immanuel Kants an der Universität Königsberg, gehalten im
März 1945:
„Der angemessene Platz des Gelehrten ist das Laboratorium, der
Schreibtisch, der Hörsaal. In dieser Stunde und an diesem Ort aber
scheint es mir, darf ein deutscher Gelehrter sich unmittelbar an das
Ohr der Welt wenden. Der Ernst des Todes, der uns in Königsberg
umringt, sichert ihn gegen die ungewöhnte und verführerische
Gelegenheit, anderes als die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts
als die Wahrheit zu sagen.
Ich rede in niemandes Auftrag. Ich habe von mir aus, als der
derzeitige Inhaber des philosophischen Lehrstuhls, des Lehrstuhls
Immanuel Kants, um die Möglichkeit gebeten, über den deutschen
Rundfunk das Wort zu ergreifen. Wer im Angesicht Kants redet, redet im
Angesicht Europas. Zu Kants Gedächtnis und für die Zukunft Europas
will ich sagen, was ich zu sagen habe.
Ich spreche aus einem Trümmerhaufen. In zwei Nächten des vergangenen
Augusts haben britische Bomber Leben und Gestalt der Innenstadt
Königsbergs ausgelöscht. Jene höllischen Nächte enthüllten auch in
dieser Stadt, daß die Grausamkeiten des gegenwärtigen Krieges schon
unter uns Europäern – von den Grausamkeiten der Russen schweige ich –
so ins Maßlose gestiegen sind, daß am Ende dieses Krieges kein
einziger der Beteiligten über den Gegner Gericht halten könnte, ohne
Gott zu lästern.
Ich weiß sehr, daß dies in den Wind gesagt sein wird für den Fall, daß
Deutschland in dem jetzigen Kampf unterläge. Aller Warnungen
vernünftiger Menschen zum Trotz würde dann der letzte Akt dieses
Krieges ein Aufstand der Pharisäer sein.
Wie durch einen Zufall haben die britischen Bomber das Grabmal Kants
nicht zerstört. Es würde indessen auch seine Zerstörung überdauern.
Sie haben das Schloß zerstört, sie haben den Dom zerstört. Das Bild
aber dieses Domes und das Gedächtnis dieses Schlosses stehen in
unserem Gedächtnis und so das Bild Ostpreußens, des immerdar deutschen
Landes an der Ostsee.
Der englische Premierminister hat kürzlich gemeint, eine Bedrohung des
künftigen Friedens werde aus einer Annexion Ostpreußens an Sowjetpolen
nicht erwachsen, wenn alle Ostpreußen in das Innere Deutschlands
umgesiedelt werden würden. Der englische Premierminister hat, glaube
ich, vergessen, daß die Ostpreußen nicht ohne Gedächtnis ins Innere
des Reiches vertrieben werden können. Die ostpreußische Landschaft
würde ihr Kleid bleiben.
2
Wer aber die Hand aufhebt gegen den deutschen Namen, der hebt die Hand
auf gegen die Zukunft des Abendlandes. Wohl ist der unendliche Schatz
der deutschen Städte von Freiburg bis Reval äußerlich so gut wie
vertilgt. Aber nicht vertilgt ist das innere Bild, das nun als
Sehnsucht und Schwur fortlebt. Wehe jedem Versuch, das Abendland gegen
die Wahrheit dieses Bildes willkürlich zu formen. Ein jeder Versuch
würde früher oder später in weiterem Blut und weiterem Unheil endigen.
Wohl sind Millionen Deutscher vom Leben zum Tod gebracht worden oder
in Rußland gefangen und weitere Millionen könnten auseinandergetrieben
und getötet werden. Aber diese furchtbare Schwächung und Einbuße an
einfacher deutscher Lebenskraft wird unentrinnbar aufgewogen werden
durch die steigend machtvolle Erinnerung an die gigantische Tapferkeit
in den Jahren 1914 bis 1918 und 1939 bis heute und bis zum Ende dieses
Krieges.
Diese Tapferkeit, die nicht rohe, animalische Tapferkeit ist, die
vielmehr aus der Liebe zu diesem Dom, jenem Schloß, jener Grabstätte
ihren Sinn nimmt, die stirbt nicht. Unsere Tapferkeit schuf uns eine
Legende: einen Namen und ein Selbstbewußtsein, einen Missionsglauben
für das Abendland, die durch keine noch so durchdachte antideutsche
Entvölkerungspolitik jemals wird übertrumpft werden können.
Und gebe es einst in Europa nur noch versprengte Haufen von Deutschen,
diese Legende würde sie eines Tages wieder zur Nation sammeln und
emportragen. Wir siegen – und das Abendland siegt mit uns – jetzt oder
später!“

Der großartige jüdische Humanist und Verleger Victor Gollancz schrieb, als er die Not der
Menschen in Deutschland 1945 erkannt hatte:
“Sofern das Gewissen der Menschheit jemals wieder empfindlich werden sollte, werden
diese Verbrechen [der Siegermächte, C.P.] als die unsterbliche Schande aller derer im
Gedächtnis bleiben, die sie veranlasst oder sich damit abgefunden haben. Die Deutschen
wurden vertrieben, aber nicht einfach mit einem Mangel an übertriebener
Rücksichtnahme, sondern mit dem denkbar höchsten Maß an Brutalität. Die Menschen,
die ich in Deutschland sah, glichen lebenden Skeletten, richtiger, sie sahen wie sterbende
Skelette aus.”

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