Arrest für Hertener Schläger

Von Frank Bergmannshoff und Werner von Braunschweig am 24. August 2011 18:41

HERTEN. Fassungslos, verständnislos, wütend – so reagieren viele unserer Leser auf die scheinbar milde Arrest-Strafe, die das Jugendschöffengericht gegen zwei Schläger (15/17) aus Herten verhängt hat. Was die meisten nicht wissen oder aber nicht nachvollziehen können: Vier Wochen Arrest gelten im deutschen Jugendstrafrecht als sehr gravierende Maßnahme.

Die 18-Jährige liegt hilflos am Boden. Einer der beiden Hertener holt mit dem Fuß aus, um ihr mit voller Wucht vor den Kopf zu treten. Dieses dramatische Foto stammt aus der Überwachungskamera des Busses. Foto: Privat

Zwei 15 und 17 Jahre alte Hertener hatten am 7. Juni am Recklinghäuser Busbahnhof eine 18-jährige Schülerin aus Oer-Erkenschwick mit brutalen Tritten gegen den Kopf schwer verletzt. Sie verlor mehrere Zähne und erlitt einen Bruch der Augenhöhle.

Das Jugendschöffengericht verhängte in nicht-öffentlicher Sitzung gegen beide Täter vier Wochen Dauerarrest. Der 15-Jährige muss zudem 100 Sozialstunden ableisten, der ältere 200 Stunden. Denn bei ihm flossen noch mehrere Straftaten ein, die er kürzlich in Marl begangen hatte. Dort hatte er nach Informationen unserer Zeitung Jacken „abgezogen“, also anderen gestohlen. Zusätzlich zu Arrest und Sozialstunden verpflichtete das Jugendschöffengericht die jungen Schläger noch dazu, ein Anti-Aggressions-Training zu absolvieren.

Vielen Menschen scheint dieses Urteil zu milde. Auch auf unserer Internet-Seite und in unserer „Facebook“-Präsenz kritisieren Leser das Urteil und das angeblich lasche deutsche Rechtssystem. Viele fordern, die Täter deutlich härter zu bestrafen und sie „in die Heimat“ abzuschieben. Was bei dem 15-Jährigen gar nicht denkbar ist, da er deutscher Staatsbürger ist.

Was viele Menschen ebenfalls nicht verstehen: Aktuell steht in Berlin ein 18-jähriger U-Bahn-Schläger vor Gericht. Er ist wegen versuchten Totschlags angeklagt, muss womöglich für bis zu zehn Jahre ins Gefängnis. Wie können die beiden Hertener da mit vier Wochen Arrest „davonkommen“?

Auf Nachfrage unserer Zeitung nimmt Oberstaatsanwalt Dr. Christian Kuhnert von der zuständigen Staatsanwaltschaft Bochum dazu Stellung. Neben der Art und Häufigkeit der Tritte ist es aus seiner Sicht von zentraler Bedeutung, dass es bei den Hertener Schlägern „nicht einmal ansatzweise Hinweise für eine Tötungsabsicht“ gegeben habe. Daher seien sie „nur“ wegen gefährlicher Körperverletzung (§ 224 Strafgesetzbuch) angeklagt worden. In der Anklageschrift waren dem Duo neben Beleidigungen – „Schwuchtel“ und „Willst Du uns einen blasen?“ – erstens „gemeinschaftliches“ Attackieren und zweitens Schläge und Tritte mit einem „gefährlichen Werkzeug“ (hier: Schuhe) vorgeworfen worden. Von einer „das Leben gefährdenden Behandlung“ (ebenfalls ein Merkmal, das aus einer einfachen eine gefährliche Körperverletzung macht) war ausdrücklich nicht die Rede.

Im Übrigen sei allen Beteiligten – Staatsanwalt, Richter, Jugendgerichtshilfe und sogar den Verteidigern – eines wichtig gewesen: Die Täter sollten möglichst schnell eine spürbare Strafe erhalten.

Dazu Oberstaatsanwalt Kuhnert: „Mit vier Wochen ist die laut Jugendstrafrecht höchstmögliche Arrest-Strafe verhängt worden. Diese müssen die Täter zeitnah absitzen.“ Über diesem Strafmaß, so Kuhnert, wäre „allenfalls eine Jugendhaftstrafe auf Bewährung“ denkbar gewesen. Im Klartext: Die Jugendlichen hätten dann zwar – formal betrachtet – eine höhere Strafe bekommen, wären aber faktisch auf freiem Fuß gebliebene. Denn aus einer Bewährungsstrafe wird erst dann eine „echte“ Haftstrafe, wenn sich der Täter erneut etwas zuschulden kommen lässt.

Vor diesem Hintergrund sahen Staatsanwalt, Richter, Verteidiger und Jugendgerichtshilfe in einer Arrest-Strafe, gepaart mit einer hohen Zahl von Sozialstunden und einem Anti-Aggressions-Training, einen „Warnschuss“, den die Täter nun hoffentlich hören.

Wer die Vorgeschichte der beiden kennt, mag daran allerdings Zweifel haben. So stand der 15-Jährige nach unseren Informationen bereits wegen gefährlicher Körperverletzung vor Gericht, der 17-Jährige wegen einer Gewalttat, mehrfachen Diebstahls und Schwarzfahrens. Die letzten Verfahren endeten erst im April beziehungsweise im Mai.
Der 17-Jährige leistete sich sogar noch am Freitag vor dem jetzigen Prozesstermin einen Schock-Auftritt. Er versetzte die Schülerin, die nur langsam wieder Vertrauen in Busfahrten fasst, nach einem zufälligen Aufeinandertreffen im Bus erneut in Panik, Angst und Schrecken. Der 17-Jährige hatte telefonisch mehrere „Kollegen“ angerufen, die sich beim Aussteigen des Mädchens bedrohlich vor ihr aufgebaut haben sollen. Nachdem die 18-Jährige sich in eine nahe Bahnhofskneipe flüchten konnte, rannten die Jugendlichen weg.

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Veröffentlicht in Allgemein. 1 Comment »

Eine Antwort to “Arrest für Hertener Schläger”

  1. Anke Brühl Says:

    +++Aktuell steht in Berlin ein 18-jähriger U-Bahn-Schläger vor Gericht. Er ist wegen versuchten Totschlags angeklagt, muss womöglich für bis zu zehn Jahre ins Gefängnis. Wie können die beiden Hertener da mit vier Wochen Arrest „davonkommen“?+++

    Der wahre Unterschied ist wohl eher, dass der Berliner (der sich übrigens vorher noch nie etwas hatte zu Schulden kommen lassen, im Gegensatz zu den Hertenern) ein „Bio-Deutscher“ ist und die beiden Hertener muslimische Migranten. Den sogenannten „Migrantenbonus“ gibt es wirklich, wie mir ein befreundeter Schöffe (und meiner Erinnerung auch die geselbstmordete Richterin Heisig bestätigte) sehr ausführlich berichtete.

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