Einschätzung der salafitischen Gruppe „Die Wahre Religion“ durch Dr. Thomas Tartsch

Die Verteilung von Flugblättern der salafitischen Gruppierung „Die Wahre Religion“ in Herten („WIR“ berichtete) veranlasste Dr. Thomas Tartsch zu einer Einschätzung!

Einschätzung von Dr. Tartsch als pdf. Hier

Dr. Thomas Tartsch

Die salafitische Gruppe „Die Wahre Religion“ (DWR) und ihr Gefährdungspotential
Einschätzung vor dem Hintergrund mehrerer Verteilaktionen von Flugblättern der Gruppe
DWR im Stadtgebiet von Herten/Kreis Recklinghausen
– Zur Information1 des Bürgermeisters der Stadt Herten –

Kontakt: thomas.tartsch@rub.de
2
1. Vorbemerkung
Die vorliegende Einschätzung erfolgt vor dem Hintergrund mehrer Verteilaktionen von
Flugblättern der salafitischen Gruppierung „Die Wahre Religion“ (DWR) im Stadtgebiet von
Herten/Kreis Recklinghausen durch junge Muslime.
2. Salafiyya
Der Begriff Salafiyya umfasst als Oberbegriff ein breites Spektrum von reformistischen
Gruppen im Islam, die sich an den as-Salaf as-Ṣāliḥ, den „Altvorderen von Madina“ im Sinne
der ersten drei muslimischen Generationen orientieren, um in deren Geist eine „reine
islamische Gemeinschaft“ zu errichten, wobei nur die heiligen Quellen Koran und Sunna
(Prophetentradition) anerkannt werden.
Hierbei reicht das Spektrum salafitischer Gruppen von gewaltlosen und Da´wah („Ruf zur
islamischen Lebenspraxis“ als Missionierung unter Nichtmuslimen und „glaubensschwachen“
Muslimen) betreibenden Gruppen bis zu gewaltaffinen Gruppen, die den gewaltsamen kleinen
Dschihad glorifizieren und zur Teilnahme an diesem aufrufen.1 Somit kann Salafismus nicht
immer mit Gewalt gleichgesetzt werden.
Der salafitische Islam besitzt aber neben der Wesensverwandtheit zum puristischen
Islamverständnis der saudi-arabischen al-Muwaḥḥidūn (besser bekannt unter der
Fremdbezeichnung ihrer Gegner al-Wahhābīya) auch teilweise starke Überschneidungen zur
Ideologie des hybriden und dezentralistisch organisierten Dschihadnetzwerkes Qaidah al
Dschihad, welches trotz der Tötung von Usama Ibn Ladin weiter existieren wird.
Das Landesamt für Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen (LfV-NRW) definiert aus diesem
Grund Salafismus folgendermaßen:2
„Der Salafismus ist seiner Konzeption nach eine religiös-fundamentalistische Strömung des
Islams. Die grundlegenden Quellen des Islams – der Koran und die Überlieferungen des
Propheten Muhammad (die Sunna) – sind seine unveränderbaren Grundfesten. Anpassungen
der Islamauslegung an veränderte gesellschaftliche und politische Gegebenheiten werden
durch Salafisten als „unislamische Neuerungen“ (arab. bid’a) kategorisch abgelehnt und
führen – so die Vorstellung – zwangsläufig zum „Unglauben“. Der salafistische Islam an sich
ist zwar fundamentalistisch, jedoch nicht extremistisch im Sinne einer Ideologie.“3
1 Ǧihād/Dschihad: Hier im Sinne des kleinen Dschihad definiert als jede gewaltlose und gewaltsame äußerste
Anstrengung auf dem Weg Allahs zur Einführung des gesamten Gesetzes (šarīʿah) und der Ausweitung
islamischer Herrschaft, wobei Niya (fromme Absicht) gegeben sein muss
2 al-Muwaḥḥidūn: „Bekenner der Einheit, Einzigartigkeit und Einheitlichkeit Allahs“
3Landesamt für Verfassungsschutz NRW (2010): „Salafismus – von einer religiösen Strömung zur politischen
Ideologie“, unter: http://www.im.nrw.de/sch/doks/vs/salafismus_aktuell.pdf
3
Somit stellen vor dem Hintergrund verstärkter salafitischer Aktivitäten in Deutschland
diejenigen salafitischen Gruppen ein Gefährdungspotential dar, die die Einführung des
Gesetzes (šarīʿah) in seiner Gesamtheit aktiv als „Islamisierung von unten“ anstreben, womit
nicht nur die Ritenpraxis (al-ʿibādāt), sondern auch die Rechtsbeziehungen (al-muʿāmalāt)
eine lebensweltliche Gültigkeit und Anwendbarkeit erlangen sollen, wobei im angestrebten
islamischen Gemeinwesen die šarīʿah auch für Nichtmuslime Anwendung findet.
Nichtmuslime können nach der šarīʿah nur neben der islamischen Gemeinschaft als rechtlich
mindere ḏimmī existieren, die für ihren vertraglich geregelten „Schutzstatus“ einen jährlichen
Tribut (Dschizja) entrichten müssen, dabei aber langfristig zum Aussterben verurteilt sind, da
schon nach klassischer islamischer Lehre Rechtleitung (Islam) und der „Halbglaube“
(Albrecht Noth) der Juden und Christen nicht nebeneinander bestehen können.
Dies ist so zu interpretieren, als dass die šarīʿah als das von Allah den Menschen auferlegte
Gesetz zu definieren ist, welches diesen in Form des Koran und der nachkoranischen Sunna
als Gesamtheit des islamischen Normensystems übergeben wurde, die die Grundlage der
ganzheitlichen islamischen Lebensführung (Dīn) bildet.
Berufen können sich Salafiten hierbei auf den Koran, da gemäß sūrat(u) l-anʿām: 57 [6:57]
alle Rechtsbestimmungen allein bei Allah liegen: „…ini l-ḥuk’mu illā lillahi“ (annähernde
Bedeutung im Deutschen: „…alle Rechtsbestimmung[en] liegt/[liegen] allein bei Allah“).
Insbesondere die Einführung des islamischen Strafrechts und hier primär die Geltung der
Körperstrafen für ḥudūd Delikte (Grenzdelikte) bildet einen Schwerpunkt der Agitation
salafitischer Gruppen wie „Einladung zum Paradies“ (EZP) um den Konvertiten Pierre Vogel
oder die radikalere salafitische Gruppe „Die Wahre Religion“ (DWR).
Die ḥudūd Delikte bezeichnen die Überschreitung einer der von Allah direkt gezogenen
Grenzen des Zusammenlebens der islamischen Gemeinschaft, deren innerer Frieden und
Zusammenhalt verletzt wird wie bei Zinā (Unzucht als außereheliche Sexualität), die
Steinigung als Strafe nach sich zieht.4
Damit treten diese salafitischen Gruppen in einen Widerspruch zum säkularen und
pluralistisch-freiheitlich ausgerichteten Verfassungsstaat, dessen Legitimationsgrundlagen
durch die Aufklärung aus einem religiösen Begründungszusammenhang herausgelöst wurden
und wo nur ein von Menschen geschaffenes Recht gelten kann – und keine angestrebte
4 Siehe hierzu Pierre Vogel (2011) „Sind Steinigungen zeitgemäß“?, You Tube, unter:

Hierbei ist anzumerken, dass die Steinigung bei Zinā von verheirateten Personen mit anderen Partnern und
Personen, die nicht in einem Konkubinatsverhältnis stehen, nicht aus dem Koran herausgelesen werden kann,
sondern sich in der Sunna findet. Folgende Straftaten zählen zu den Grenzdelikten: Unzucht (Zinā),
Unzuchtsverleumdung, Diebstahl, Alkoholgenuss und Hirāba (darunter fallen insb. Raub und Raubmord). Von
den Rechtsgelehrten werden aber zum Teil auch weiter Delikte hinzugefügt, insb. Ridda (der Abfall vom Islam)
4
Nomokratie mit einer Wertigkeitslehre, wo Rechte, Pflichten, soziale, rechtliche und
politische Stellung von der Angehörigkeit zur Islamauslegung der jeweiligen salafitischen
Prägung bestimmt wird.
Das zweite Kennzeichen radikaler salafitischer Gruppen ist die Gegnerschaft nicht nur
gegenüber den Kafirun („Verhüller der Wahrheit“, womit im Islam alle Nichtmuslime
bezeichnet werden), sondern auch zu anderen islamischen Gruppen wie den Schiiten und den
Sonderfällen der Aleviten und Ahmadiyya, auf deren Sonderstatus hier nicht näher
eingegangen werden kann.
Die Arabistin Claudia Dantschke führt hierzu aus:
„[…] Kennzeichnend für diese Strömung (Salafismus, eig. Einfügung) ist die Abwertung all
derjenigen, die nicht ihrer dogmatischen Islaminterpretation folgen sowie die extreme
Ablehnung der Schiiten und des Schiitentums als „Sekte“ und „Abweichung vom Islam“. Die
damit eingeleitete Spaltung des Islam soll überwunden und rückgängig gemacht werden“.5
Darüber hinaus geht „Die Wahre Religion“, wo vor dem Hintergrund ihres Ende 2010 in
Wien durchgeführten Islamseminares andere Muslime als „Munafiqun“ (Heuchler) bezeichnet
wurden, da das Seminar nach Protesten nicht, wie zunächst geplant, im „Islamischen Zentrum
Wien“ in Wien-Ottakring stattfinden konnte, welches bis zum heutigen Tag mit „Einladung
zum Paradies“ verlinkt ist.6
Dafür fand das Seminar zumindest teilweise in den Räumen eines türkischen Sprachinstitutes
statt, welches als „AKP Kaderschmiede“ in Wien gilt und Anfang Mai 2011 vom türkischen
Staatspräsidenten Abdullah Gül besucht wurde.7
Der Prediger „Abu Bilal“ von „Die Wahre Religion“, der einer der Referenten des Seminars
in Wien war, äußert sich hierzu im angegebenen Link ausführlich zu den Munafiqun.8 Die
Bezeichnung als Munafiqun hat weitreichende Bedeutung, da die Munafiqun als „Nicht
Muslime“ in den Augen von radikalen Salafiten auch durch den gewaltsamen kleinen
Dschihad bekämpft werden können, was die gleiche Bedeutung beinhaltet wie die Erklärung
von Takfīr (Entlassung in den Unglauben) gegenüber anderen Muslimen, das Kennzeichen
der extrem salafitischen Takfīri Gruppen, zu denen auch die Attentäter der Anschläge von
Madrid 2004 gehört haben und die derzeit in Ägypten die koptischen Christen vernichten
wollen.
5 Claudia Dantschke (2007): „Die muslimische Jugendszene“, Bundeszentrale für politische Bildung, unter:
http://www.bpb.de/popup/popup_druckversion.html?guid=ZOEWPE
6 Islamisches Zentrum Wien – Links, erster Link linke Seite, unter: http://www.islamiccentre.at/links.html
7 Die Presse.com (2011): „Abdullah Gül besucht „AKP-Kaderschmiede“ in Wien“, 03.05.2011, unter:
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/655251/Abdullah-Guel-besucht-AKPKaderschmiede-in-Wien
8 „Das Instrument Islam (Seminar Wien) – Abu Bilal“, You Tube, unter:

5
Somit richtet sich die Agitation von salafitischen Gruppen wie „Die Wahre Religion“ nicht
nur gegen die Kafirun (Nichtmuslime), sondern primär gegen die Munafiqun (Muslime
anderer Glaubensrichtungen, „Kulturmuslime“ und säkular eingestellter Muslime), wobei die
Salafiten bestimmen, wer Muslim ist und wer nicht.
Das gilt auch innerhalb des islamistischen Spektrums, da eine nicht geringe Anzahl von
deutschsprachigen salafitischen Anhängern Gruppen des „taktischen Islamismus“ wie die
türkisch-sunnitische Millî Görüş Bewegung (Gemeinschaft Abrahams (Millet-i Ibrahim), die
dem Weg des Propheten als islamische Religionsgemeinschaft folgt) und die deutschen
Ableger der sunnitisch-arabischen al-ichwān al-muslimūn (Muslimbruderschaft) verachten,
weil deren Mutterorganisationen sich in westlich orientierten Formen für eine „Islamisierung
von oben“ organisiert haben, die in der islamischen Welt bis in die Neuzeit unbekannt waren.
Davon zeugen vielfältige und teils heftig geführte Diskussionen in einschlägigen Internetforen
von Anhängern der verschiedenen Gruppen untereinander.
Auch in Herten kann man vor dem Hintergrund aktueller Konflikte die ansässigen
Moscheevereine von DİTİB und des „Verband Islamischer Kulturzentren e.V.“ (VIKZ) nicht
mit „Die Wahre Religion“ gleichsetzen. Dort geht es um die Frage der Rückbindung und der
Erhaltung der monogamen Staatsloyalität der in Deutschland lebenden türkischstämmigen
Muslime zum türkischen Staat im Rahmen der Re-Islamisierungspläne von Ministerpräsident
Recep Tayyip Erdoğan (DİTİB) und die Diskussion um die integrationsfördernde Wirkung
von Schülerwohnheimen (VIKZ).
Nicht aber um die Verherrlichung und die Förderung der Bereitschaft zur Teilnahme am
gewaltsamen kleinen Dschihad, wodurch „Die Wahre Religion“ im Januar 2011 durch ihr in
Mayen/NRW abgehaltenes Islamseminar bekannt wurde und in den Fokus der
Sicherheitsbehörden geriet.
3. „Die Wahre Religion“ und der Aufruf zur Teilnahme am kleinen gewaltsamen Dschihad
Während dieses Seminars hatte der vor seiner Konversion als Gangsta Rapper „Deso Dogg“
bekannte Abu Malik (Klarname: Denis Mamadou Cuspert) einen Nasheed vorgetragen, indem
er nicht nur zur Unterstützung der Muğāhidun (die den Dschihad ausübenden) etwa in Form
von Dua9 aufrief, sondern auch zur Teilnahme als Muğāhid am gewaltsamen Dschihad in
Chorassan:10
9 Dua: (Bitt-)Gebet, welches jederzeit gesprochen werden kann und wofür keine rituelle Reinheit erforderlich ist
10 Der Nasheed kann angesehen werden (ab Min. 9.30) unter: „DAWAFFM – Islamseminar in Mayen
2010/2011“, You Tube, unter: http://www.youtube.com/watch?v=xTe9FEGxlSQ
Nasheed: agitatorisches Lied, welches zur Mobilisierung eingesetzt und in der Regel ohne
Instrumentalbegleitung vorgetragen wird, weil nach verbreiteter salafitischer Ansicht Musik ḥarām (verboten) ist
6
„Bei einem sogenannten „Islamseminar“ der als besonders radikal geltenden Gruppe „Die
wahre Religion“ in der Eifelstadt Mayen sang der einstige Musiker „Deso Dogg“ die Zeile:
„Wandert aus, wandert aus! Usbekistan, Afghanistan, wir kämpfen in Chorassan!“ Chorassan
ist eine historische Bezeichnung für ein Gebiet in Zentralasien, das unter anderem im heutigen
Afghanistan liegt. Bei der mehrtägigen Veranstaltung zum Jahreswechsel sang der gebürtige
Berliner außerdem: „Inschallah, inschallah, wir kämpfen, fallen, Schuhada, den Feind im
Auge, bismillah“. Das bedeutet: „So Allah will, wir kämpfen, fallen als Märtyrer, den Feind
im Auge, im Namen Allahs.“ Im Anschluss an das Lied jubelten die rund 50 Besucher des
„Seminars“ und riefen: „Allahu akbar“ („Allah ist größer“).“11
Dies läuft konform mit meiner damals verfassten Einschätzung der Wirkung des Nasheed, die
mit Angabe des Links Anfang Januar an Medien und Sicherheitsbehörden versandt wurde:
„Gerade unter den anwesenden (teilweise sehr jungen) Muslimen, die das Islamseminar der
salafitischen Gruppe „Die wahre Religion“ in Mayen besucht haben, können durch solche
Aufrufe nicht nur antiwestliche Feindbilder implantiert werden, sondern es kann auch zur
Teilnahme am kleinen Dschihad mobilisiert werden, der in diesen Gruppen als
gerechtfertigter Verteidigungsdschihad propagiert wird. Der gewaltsame kleine Dschihad
wandelt sich damit zu einer individuellen und nicht delegierbaren Pflicht (Fard al-Ayn),
womit jeder Muslim verpflichtet ist, dem Ruf zum Dschihad zu folgen, um das Dār(u) l-Islām
(Haus des Islam) von den Nichtmuslimen zu befreien, die islamisches Gebiet angegriffen und
besetzt haben.
Wann dies gegeben ist, entscheidet keine islamische Autorität, sondern
„glaubensstarke Muslime“ (hier „Die Wahre Religion“) selber, die von einem Anhängerkreis
als dazu befugt betrachtet werden. Es liegt damit im Bereich der Möglichkeit, dass durch
solche Agitation gerade junge (und in den letzten anderthalb Jahren verstärkt
türkischstämmige) Muslime und Konvertiten u.a. ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet
aufbrechen, um sich dort ausbilden zu lassen, um in Afghanistan, Tschetschenien oder nach
ihrer Rückkehr in die westlichen Staaten den Dschihad im urbanen Gebiet auszuüben.
Es fragt sich, wie lange „Die Wahre Religion“ noch solche Islamseminare durchführen
kann, da auch Ende 2010 ein solches Seminar (ohne Deso Dogg) in Wien stattfand?
Derzeit stellen solche Islamseminare von salafitischen Gruppen die größte Gefährdung
im Bereich des „militanten Islamismus“ dar.“
Dies umso mehr, als Anhaltspunkte dafür bestehen, dass „Die Wahre Religion“ mit der
derzeit aggressivsten deutschsprachigen dschihadistischen Webseite
http://www.islambruederschaft.com verbunden ist.12
11 RP. Online (2011): „“Deso Dogg“ preist den Tod im Dschihad. Berliner Ex-Rapper ruft zum „Heiligen Krieg“
auf“, 12.01.2011, unter:
http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/Berliner-Ex-Rapper-ruft-zum-Heiligen-Kriegauf_
aid_951833.html#comments
12 Siehe dazu die ausführliche Ausarbeitung von Herrn Oberst Mag. Dr. Oliver Dengg vom Institut für Humanund
Sozialwissenschaften – Landesverteidigungsakademie des österreichischen Bundesheeres (2011):
„Islambruederschaft.com. Bekenntnisse eines radikal-islamischen Online-Netzwerkes“, unter:
http://www.bundesheer.at/pdf_pool/publikationen/08_isb_01_isb.pdf
7
4. Zusammenfassung
Die salafitische Gruppe „Die Wahre Religion“ kann am äußersten Rand innerhalb des
islamistisch-salafitischen Spektrums in Deutschland angesiedelt werden, da Übergänge
und Schnittstellen zum militanten und pan-islamisch ausgerichteten Islamismus
bestehen.
Auch wenn die Prediger von „Die Wahre Religion“ in der Regel bei ihren Islamseminaren
nicht immer so offen wie Abu Malik zur Unterstützung und zur Teilnahme am gewaltsamen
kleinen Dschihad aufrufen, müssen solche Veranstaltungen im Rahmen von
Dschihadisierungsprozessen gesehen werden, da im Umfeld solcher Veranstaltungen mit
dschihadistischen „Talentspottern“ zu rechnen ist, die junge Muslime und Konvertiten durch
persönliche „Face to Face Kontakte“ an dschihadistische Gruppen binden wollen. In einer
Analogie zum Bereich des politischen Extremismus kann man hier von einer
„Durchlauferhitzer Funktion“ der Islamseminare sprechen, da der Besuch eines solchen
Seminares als erster Schritt in eine dschihadistische Karriere dienen kann, wenn auch nicht
muss.
Auch im Vorfeld des militanten Islamismus müssen die Aktivitäten von Die Wahre Religion
als desintegrativ eingestuft werden, da sie jungen Muslimen und Konvertiten nicht nur im
Rahmen der Reduktion von religiöser Komplexität eine sehr einfache und simplifizierende
Islamauslegung mit gebundener Lesart von Koran und Sunna anbietet, die durch eine explizite
Freund-Feind Dichotomie gekennzeichnet ist: Freunde sind die Salafiten von „Die Wahre
Religion“, Feinde sind die Kafirun und die Munafiqun.
Vielmehr wird auch ein Gemeinschaftserlebnis angeboten, welches durch gruppendynamische
Prozesse zur Konstruktion einer neuen sozialen Identität als Salafist dient. Der salafitische
„Newborn-“ oder „Reborn-“Muslim zieht sich aus der Gesamtgesellschaft und der bisherigen
Lebensumwelt zurück, da er seine Identitätsvergewisserung innerhalb der sich von den
Kafirun und Munafiqun abgrenzenden salafitischen Subgemeinschaft bezieht, wobei es nicht
auszuschließen ist, dass er sich zur Teilnahme am gewaltsamen kleinen Dschihad entschließt.
Entweder im Ausland oder als Angehöriger des indigenen „Homegrown Terrorism“, der sich
in den letzten Jahren als neue Erscheinung des religiös motivierten Terrorismus seit den
Anschlägen des 11.09.2001 in jedem westlichen Land gebildet hat.13
13 Zum „Homegrown Terrorism“ siehe meine im Jahr 2008 erstellte Analyse „Tellurischer Partisan & urbaner
Jihadist – Psychogramm des „homegrown terrorism“ “, unter: http://tooltest.info/tartsch/2011/02/12/tellurischerpartisan-
urbaner-jihadist-psychogramm-des-%E2%80%9Ehomegrown-terrorism%E2%80%9C/
8
Gerade in Anbetracht der steigenden Attraktivität des Salafimus in Nordrhein-Westfalen, wo
dieser die am schnellsten wachsende Religionsauslegung unter jungen Muslimen darstellt, ist
ein entschlossenes Handeln im Rahmen einer ganzheitlichen Strategie notwendig. Das LfVNRW
warnt vor diesen Tendenzen, wobei ausdrücklich „Die Wahre Religion“ als eines der
prägenden salafitischen Personen-Netzwerke mit Schwerpunkt in Köln genannt wird.14
Insgesamt gesehen können die beobachteten Verteilaktionen von Flugblättern durch
(zumindest) Anhänger der Gruppierung „Die Wahre Religion“ als Vorstufe für weitere
Aktivitäten im Stadtgebiet von Herten (und dem Kreis Recklinghausen insgesamt)
eingeordnet werden, die zu einer Desintegration junger Muslime führen kann, wenn Salafiten
im Zeitablauf aktive Da´wah Arbeit vor Ort betreiben.
Ebenso besteht die Möglichkeit der psychischen Radikalisierung durch den Konsum der
vielfältigen Audio- und Videodateien auf der Homepage von „Die Wahre Religion“, deren
Internetadresse auf den verteilten Flugblättern angegeben ist, da sich die digitalisierte
salafitische Cyber-Umma zu einem bevorzugten propagandistischen Instrument entwickelt
hat, mit dem insbesondere junge Muslime erreicht werden können.
Neben der Beobachtung dieser Aktivitäten durch das zuständige Kommissariat des
polizeilichen Staatsschutzes, im Rahmen der präventiven Aufgabenerfüllung und der
öffentlichen Sensibilisierung für die Thematik, kann der Nährboden salafitischer Gruppen
letzten Endes aber nur durch die Muslime selbst ausgetrocknet werden. Dies hat ein
islamischer Religionspädagoge mir gegenüber letzten Herbst nach unserer Anhörung als
Fachvertreter im Landtag von Oberösterreich über die Notwendigkeit und Gebotenheit eines
Vollverschleierungsverbotes im öffentlichen Raum im persönlichen Gespräch geäußert. Somit
sind auch die Moscheevereine in Herten aufgerufen, sich von salafitischen Lehren zu
distanzieren und Aufklärungsarbeit zu betreiben, damit junge Muslime nicht in den
Islamismus und Dschihadismus abgleiten, wobei diese Aufgabe eine rein innerislamische
Auseinadersetzung mit salafitischen Lehren darstellt, die von Nichtmuslimen nicht zu
beeinflussen ist.
12.05.2011 Dr. Thomas Tartsch
14 „Verfassungsschutz: Zahl der Salafismus-Anhänger in NRW steigt“, Presseartikel, 29.03.2011, unter:
http://www.cibedo.de/zollitsch_tuerkei000000020100134.html
9

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Veröffentlicht in Allgemein. 1 Comment »

Eine Antwort to “Einschätzung der salafitischen Gruppe „Die Wahre Religion“ durch Dr. Thomas Tartsch”

  1. Bürgermeister zeigt sein wahres Gesicht « Wählerinitiative „WIR IN HERTEN e.V.“ Says:

    […] „WIR“ berichteten über eine Verteilungsaktion von Werbe-Flyern der salafistischen Bewegung DWR (Die wahre Religion) in Herten. […]

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